Was knapp 1.000 Anlagebücher mir nicht abgewöhnt haben

Über die Psychologie, die jeden Sparplan testet
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Inhalt

Irgendwann zwischen Buch dreihundert und vierhundert wurde ich gefährlich. Nicht für die Märkte, dafür sind sie zu groß. Sondern für mich selbst. In meinem Kopf hatte sich ein Gefühl festgesetzt, das ich rückblickend nur als trügerische Klarheit bezeichnen kann. Ich hatte Kommer gelesen und Bogle, Malkiel und Hotz, Buffett-Biografien und Munger-Reden, ich hatte mich durch akademische Verhaltensökonomik gearbeitet und durch Erfahrungsberichte gescheiterter Daytrader. Und ich war überzeugt, das System ausreichend zu durchschauen, um nicht mehr zu den Statistiken zu gehören, die diese Bücher beschreiben.

Dieser Eindruck hielt sich genau so lange, bis ich anfing, von der einfachen, breit gestreuten Sparplan-Logik abzuweichen, die nahezu jedes seriöse Buch empfiehlt. Mein Argument war fadenscheinig genug, um zu funktionieren: Ich habe so viel gelesen, ich kann das besser einschätzen. In Wahrheit war das die erste tatsächliche Begegnung mit dem, was Psychologen Selbstüberschätzung nennen. Das Bittere daran ist nicht der gemachte Fehler. Es ist die Tatsache, dass ich genau die Bücher, die mich davor hätten warnen müssen, bereits gelesen hatte. Die Lektion zog sich über Jahre hin, nicht über eine einzelne Fehlentscheidung.

Wer in der Welt der Anlagebücher zu Hause ist, kennt das Phänomen. Es ist nicht der Anfänger, der die teuersten Fehler macht. Es ist der Halb-Belesene, der gerade genug verstanden hat, um sich für immun zu halten. Genau dort beginnt die eigentliche Lektion: Geld hat sehr viel weniger mit Mathematik zu tun, als die meisten Bücher behaupten, und sehr viel mehr mit Psychologie.

Morgan Housel, der das vielleicht klügste Buch der letzten Jahre über genau diesen Punkt geschrieben hat, Über die Psychologie des Geldes (FinanzBuch Verlag, 2021), bringt es auf eine knappe Formel: Gut mit Geld umzugehen, hat kaum etwas damit zu tun, was man theoretisch darüber weiß, sondern damit, wie man sich in echten Situationen verhält. Wer das einmal verstanden hat, sieht die Welt der Geldanlage anders. Nicht als Wettstreit der Strategien. Sondern als Wettstreit gegen sich selbst.

Was folgt, sind vier Verhaltensmuster, die mir selbst nach knapp tausend gelesenen Sachbüchern nicht zu nehmen sind. Ich kenne sie. Ich weiß, wie sie funktionieren. Und sie funktionieren trotzdem.

Wissen ist kein Schutz

Die Wurzel des Problems ist banal. Es gibt eine Lücke zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir tun. Diese Lücke ist nicht das Privileg ungebildeter Anleger. Sie ist universell, sie ist hartnäckig, und sie ist möglicherweise die einzige Konstante in der gesamten Verhaltensökonomik.

Charlie Munger, Warren Buffetts langjähriger Partner, hat in seinem berühmten Vortrag Die Psychologie menschlicher Fehleinschätzung fünfundzwanzig Mechanismen aufgezählt, die jeden von uns regelmäßig gegen das eigene Wissen handeln lassen. Wir wissen theoretisch, dass langfristiges Halten breit gestreuter Indexfonds in der überwältigenden Mehrheit der Fälle aktive Strategien schlägt. Wir wissen, dass der Zinseszinseffekt erst nach Jahrzehnten seine eigentliche Wirkung entfaltet. Wir wissen, dass das eigene Bauchgefühl in Stressmomenten nahezu zuverlässig in die falsche Richtung weist. Und doch handeln wir genau dann gegen das Wissen, wenn das Wissen am wichtigsten wäre.

Diese Diskrepanz ist nicht nur ein moralisches Problem mangelnder Disziplin. Sie ist ein neurologisches. Unser Gehirn greift in Stresssituationen auf Mechanismen zurück, die mit dem expliziten Wissen wenig zu tun haben. Hand aufs Herz: Wer von Ihnen hat im März 2020 ruhig zugesehen, als breite Indizes binnen Wochen ein Drittel ihres Werts verloren? Wer hat in den heißen Krypto-Monaten Ende 2021 nicht zumindest ernsthaft erwogen, einen kleinen Teil mitzunehmen? Das Wissen war jeweils da. Es hat in dem Moment niemanden geschützt.

Verluste schmerzen doppelt

Die zweite Falle ist die wahrscheinlich am besten erforschte der gesamten Verhaltensökonomik. Daniel Kahneman und Amos Tversky haben Ende der 1970er Jahre mit ihrer Neuen Erwartungstheorie eine Beobachtung empirisch belegt, die jeder Anleger intuitiv kennt: Verluste schmerzen etwa doppelt so stark, wie gleich hohe Gewinne uns freuen.

Kahneman, der für diese Arbeit 2002 den Nobelpreis erhielt, hat das Konzept in Schnelles Denken, langsames Denken (Siedler, 2012) für ein breites Publikum aufbereitet. Die Konsequenzen für Anleger sind drastisch. Wir verkaufen Gewinnerpositionen zu früh, weil wir den Buchgewinn schon als Eigentum betrachten und seinen Verlust überproportional fürchten. Wir halten Verliererpositionen zu lange, weil der Verkauf den Buchverlust real machen würde. Diese Asymmetrie hat einen Namen: Dispositionseffekt. Sie gilt unter Verhaltensökonomen als einer der teuersten Anlegerfehler überhaupt.

Richard Thaler, ebenfalls Nobelpreisträger und unter anderem Autor von Misbehaving, hat eine verwandte Falle beschrieben, die in der Vorsorge-Diskussion besonders relevant ist: den Besitzeffekt. Sein berühmtes Kaffeetassen-Experiment zeigt, dass wir Dinge, die wir besitzen, deutlich höher bewerten als identische Dinge, die wir nicht besitzen. Übertragen auf Anlageprodukte heißt das: Sobald Geld einmal in einem Riester-Vertrag, in einer Lebensversicherung oder in einer Einzelaktie gebunden ist, weigern wir uns instinktiv, es loszulassen, selbst wenn die nüchterne Analyse ergibt, dass der Ausstieg rational wäre.

Thaler illustriert das in Misbehaving mit einem unangenehmen Beispiel aus dem Alltag. Wer eine teure Mitgliedschaft in einem Tennisclub gekauft hat und sich kurz darauf einen Tennisellenbogen zuzieht, spielt trotzdem weiter, mit Schmerzen. Der Beitrag ist eine versunkene Kostengröße, deren Höhe für die heutige Entscheidung über das Spielen rational gesehen irrelevant sein müsste. Psychologisch ist sie es nicht. Übersetzt auf das Depot heißt es: Wir halten die Verliereraktie, weil wir sie für viel Geld gekauft haben, statt zu fragen, ob wir sie heute zum aktuellen Kurs noch einmal kaufen würden.

Die Gegenwart ist eine schlechte Lehrerin

Die dritte Falle ist subtiler, aber für junge Anleger möglicherweise die teuerste. Sie heißt Aktualitätsfehler, im Englischen Recency Bias, und sie beschreibt unsere Neigung, der jüngsten Vergangenheit überproportionales Gewicht zu geben. Was in den letzten zwölf Monaten passiert ist, dominiert in unserem Kopf die Bewertung der nächsten dreißig Jahre.

Burton Malkiel, emeritierter Professor in Princeton, hat in seinem Klassiker A Random Walk Down Wall Street (deutsch zuletzt 2023 im FinanzBuch Verlag) systematisch durchexerziert, warum diese Heuristik in der Geldanlage gefährlich ist. Malkiels Kernthese lautet: Kursverläufe der jüngeren Vergangenheit sind statistisch nahezu wertlos für die Prognose künftiger Renditen. Trotzdem behandeln wir sie wie Naturgesetze. Eine Aktie, die im letzten Jahr fünfzig Prozent zugelegt hat, fühlt sich nach mehr an als nach einem Spaziergang im Wahrscheinlichkeitsraum.

Die deutsche Variante dieses Fehlers ist besonders perfide. Wer in den letzten Jahren auf einen breiten ETF gespart hat, hat zumeist anständige Renditen gesehen. Diese Erfahrung programmiert die Erwartung: Es wird so weitergehen. Das ist nicht nur statistisch fragwürdig. Es ist die Mutter aller Übergewichtungen.

Man muss nicht weit in die Vergangenheit schauen, um die Logik zu verstehen. Wer Anfang 2000 in den Neuen Markt eingestiegen ist, weil der Index in den achtzehn Monaten zuvor um mehrere hundert Prozent gestiegen war, hat in den folgenden drei Jahren bis zu siebenundneunzig Prozent verloren. Wer Ende 2021 in Krypto eingestiegen ist, weil Bitcoin sich seit Anfang der Pandemie vervielfacht hatte, hat im Crash von 2022 rund zwei Drittel seines Einsatzes verloren. Die jüngste Vergangenheit hat in beiden Fällen exakt das Gegenteil von dem signalisiert, was dann eintrat. Wer den jüngsten Bullenmarkt als Normalfall verbucht, wird beim ersten ernsthaften Bärenmarkt überrascht sein. Und damit ist man unmittelbar bei der nächsten Falle.

Die Mehrheit beruhigt mehr als die Mathematik

Wir sind soziale Wesen. Das ist unser evolutionärer Vorteil und unser anlagepsychologischer Untergang. Was alle tun, fühlt sich richtig an. Was niemand tut, fühlt sich riskant an. Selbst dann, wenn die Datenlage exakt das Gegenteil suggeriert.

John C. Bogle, Gründer von Vanguard und einer der einflussreichsten Investmentdenker der letzten Jahrzehnte, hat in seinem Little Book of Common Sense Investing (deutsch: Das kleine Handbuch des vernünftigen Investierens) gezeigt, warum passives Indexieren strukturell ein Anti-Herden-Schritt ist. Wer einen breit gestreuten Welt-Index kauft, kauft per Definition den Durchschnitt. Er verzichtet auf die Möglichkeit, oben zu liegen, im Gegenzug für die statistische Sicherheit, nicht ganz unten zu landen. Das ist im Prinzip einfach. In der Praxis ist es eine permanente psychologische Zumutung. Denn die mediale Aufmerksamkeit gilt ausnahmslos den Ausreißern. Wer eine Tesla-Aktie in einem Cocktailgespräch erwähnt, erntet Interesse. Wer "ich spare in einen Welt-ETF" antwortet, erntet ein höfliches Nicken.

Bogles These hat empirisch dramatisch recht behalten. Die langfristige Datenlage in Europa wie in den USA zeigt, dass über einen Zeitraum von zehn Jahren die überwältigende Mehrheit aktiv gemanagter Aktienfonds ihren Vergleichsindex nach Kosten verfehlt. Wer der jeweils heißesten aktiven Strategie folgt, schneidet im statistischen Mittel schlechter ab als der schlichte breit gestreute Index. Trotzdem fließen Jahr für Jahr Milliarden in aktive Produkte, weil die Geschichte vom überdurchschnittlichen Manager attraktiver ist als die Wahrheit vom durchschnittlichen Markt.

Diese soziale Schieflage erzeugt einen permanenten Druck, etwas zu tun, das man besser nicht täte. Im Boom sieht man, wie die Nachbarn mit Einzelaktien Gewinne machen, neben denen der eigene ETF langweilig wirkt. Im Crash sieht man, wie die Nachbarn aussteigen, während man selbst dem Sparplan trotzig die Treue hält. In beiden Phasen ist der Reflex derselbe: dazugehören wollen. Und ausgerechnet dieser Reflex kostet langfristig die meiste Rendite.

Warum das System genau diese Mechanismen braucht

Diese vier Mechanismen sind keine zufällige Auswahl. Sie sind, im Grunde genommen, die psychologische Statik des deutschen Vorsorgeversprechens. Wer würde 45 Jahre lang in ein Umlagesystem einzahlen, das ohne 121 Milliarden Euro Zuschuss pro Jahr aus dem Bundeshaushalt insolvent wäre, wenn er die Entscheidung jeden Monat neu treffen müsste? Niemand.

Aber niemand muss die Entscheidung jeden Monat neu treffen. Sie wird automatisiert, vom Lohnzettel abgezogen, von einem System verwaltet, das die Verlustaversion nutzt (das einmal eingezahlte Geld will man nicht abschreiben), den Aktualitätsfehler nutzt (die jüngsten Rentenanpassungen suggerieren, das System trage), das Herdenverhalten nutzt (alle zahlen ein, niemand fragt) und die Wissen-Tun-Lücke nutzt (jeder Zweite weiß, dass das System wackelt, und jeder Zweite zahlt trotzdem ein). Ein System, das die menschliche Psychologie so präzise gegen den Beitragszahler richtet, ist kein Zufallsprodukt. Es ist eine politische Konstruktion, die ohne diese Mechanismen schlichtweg nicht funktionieren würde.

Daraus folgt eine einfache Schlussfolgerung. Die wichtigste Anlageentscheidung ist nicht, welcher ETF, welcher Broker, welche Steuerstrategie. Die wichtigste Anlageentscheidung ist, sich selbst gegen sich selbst zu schützen. Automatisierte Sparpläne sind nicht nur bequem. Sie sind ein Bollwerk gegen das eigene Gehirn. Breite Streuung ist nicht nur statistisch klug. Sie ist eine Versicherung gegen den eigenen Aktualitätsfehler. Langfristige Disziplin ist nicht nur eine Tugend. Sie ist die einzige bekannte Methode, das eigene Verhalten von den eigenen Emotionen zu entkoppeln.

Eigenverantwortung beim Vermögensaufbau beginnt letzten Endes nicht beim Produkt. Sie beginnt bei der ehrlichen Bestandsaufnahme der eigenen Psychologie. Wer das auslässt, kann tausend Bücher lesen und wird trotzdem zu denselben Fehlern kommen, die seit Kahneman und Tversky beschrieben sind. Was die meisten Sachbücher vergessen zu erwähnen: Das Buch ist nicht das Problem. Der Leser ist es.