Niemand kommt – warum junge Anleger nicht auf das Altersvorsorgedepot warten sollten

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Im Mai 2025 habe ich Deutschland verlassen. Es gab dafür mehrere Gründe, persönliche, berufliche, steuerliche. Doch einer hat in den letzten Wochen vor meiner Entscheidung besonders gewogen, und mit ihm möchte ich diese Analyse beginnen: Es war die Aussicht, als Selbstständige bald in ein gesetzliches Rentensystem einzahlen zu müssen, das ich für strukturell gescheitert halte.

Im Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung ist die Altersvorsorgepflicht für Selbstständige weiterhin festgeschrieben. Diskutiert wird ein Beitragssatz von 18,6 Prozent auf den Gewinn. Das wären für viele Selbstständige fast ein Fünftel des erarbeiteten Einkommens, abgegeben in eine umlagefinanzierte Versicherung, deren Bruttoersatzquote nach 45 Beitragsjahren laut OECD bei rund 42 Prozent liegt. Spanien kommt auf über 80 Prozent, Österreich auf rund 78, viele weitere EU-Länder auf über 70. Im Vergleich liegt Deutschland in den unteren Rängen –und das, obwohl der Bundeshaushalt 2025 rund 121 Milliarden Euro an die Rentenversicherung leitet, damit sie überhaupt zahlungsfähig bleibt.

Hand aufs Herz: Ein System, das ohne fortlaufende Steuersubventionen längst kollabiert wäre, ist tot. Egal, wie oft Finanzminister verschiedener Couleur seit den Siebzigern das Gegenteil behauptet haben. Die deutsche gesetzliche Rente lebt nur noch dank einer Dauerinfusion aus dem allgemeinen Haushalt –und genau diese Infusion wird in den kommenden Jahrzehnten dramatisch teurer, weil die Demografie das Verhältnis aus Beitragszahlern und Rentnern weiter kippt. Vorausberechnungen rechnen damit, dass der Beitragssatz von heute 18,6 Prozent in den 2030er Jahren auf über 22 Prozent steigen wird, finanziert allein aus den Bruttolöhnen jener jüngeren Generation, deren eigene Aussicht auf eine auskömmliche Rente ohnehin wackelt. Die Frage ist nicht mehr, ob das Umlagesystem an seine Grenzen stößt. Die Frage ist, wie lange es noch dauert, bis die nächste Politiker-Generation den Mut findet, das öffentlich auszusprechen.

Das Altersvorsorgedepot – eine Reform, die keine ist

In genau diese Gemengelage hinein hat der Bundestag am 27. März 2026 die Reform der privaten Altersvorsorge beschlossen. Ab dem 1. Januar 2027 soll das neue Altersvorsorgedepot die in der Praxis längst gescheiterte Riester-Rente ablösen. ETF-Sparpläne werden förderfähig, die starre Garantiepflicht entfällt, der Kreis der Begünstigten wird auf Selbstständige ausgeweitet, ein staatlich verwaltetes Standarddepot mit Kostendeckel von 1,0 Prozent kommt hinzu. Auf 1.800 Euro Eigenbeitrag im Jahr gibt es bis zu 540 Euro Grundzulage, dazu eine Kinderzulage von 300 Euro je Kind.

In Teilen der deutschen Finanzpresse wird dieses Paket als Durchbruch gefeiert, mancherorts gar als Gamechanger. Diese Begeisterung kann ich schlichtweg nicht nachvollziehen. Sie grenzt für mich an das Lächerliche – gerade dort, wo sie aus den Federn von Kommentatoren stammt, die fachlich genauer hinsehen müssten.

Denn wer genauer hinsieht, erkennt schnell: Das Altersvorsorgedepot ist kein Systemwechsel, sondern eine Beruhigungspille. Es behebt nicht die strukturelle Schwäche des deutschen Vorsorgesystems, sondern verkleidet sie. Sechs Punkte halte ich für entscheidend.

Erstens, die Förderung ist kein Geschenk, sondern Rückgabe.

540 Euro Zulage klingen üppig, bis Sie nachrechnen, was ein Durchschnittsverdiener im selben Jahr über Lohnsteuer, Solidaritätszuschlag und Sozialabgaben an den Staat abgibt – bei einem Bruttoeinkommen von 50.000 Euro sind es schnell 18.000 bis 20.000 Euro. Was hier als großzügige Förderung verkauft wird, ist eine bescheidene Rückgabe von zuvor abgeschöpften Mitteln, garniert mit einem Verwaltungsapparat, der die Rückgabe selbst wieder verteuert.

Zweitens, die einfachste Reform wäre eine andere gewesen.

Wer der privaten Altersvorsorge wirklich Auftrieb geben wollte, hätte die Abgeltungssteuer senken oder den Sparerpauschbetrag deutlich anheben können. Beides würde Eigenverantwortung tatsächlich belohnen, ohne neue Bürokratie, ohne Zertifizierungsverfahren, ohne staatliche Konkurrenzprodukte. Der ehrlichste Schritt wäre gewesen, weniger zu nehmen statt mehr zurückzugeben. Diesen Weg ist die Bundesregierung nicht gegangen.

Drittens, der Staat tritt erstmals selbst als Anbieter auf.

Das öffentlich verwaltete Standarddepot ist ordnungspolitisch ein bemerkenswerter Schritt: Der Staat stellt sich nicht mehr nur als Regulator auf, sondern als Marktteilnehmer. Privaten Anbietern wird ein staatlich subventionierter Benchmark vor die Nase gesetzt. Das ist Wettbewerbsverzerrung in Reinform – und es ist bezeichnend, wie geräuschlos das in der öffentlichen Debatte hingenommen wurde.

Viertens, die Subvention landet am Ende bei der Fondsindustrie.

Die staatlichen Zulagen wandern in zertifizierte Produkte, die nichts wesentlich Besseres können als ein gewöhnlicher ETF-Sparplan, der ohnehin seit Jahren verfügbar ist. Der österreichische Anlegerverband IVA hat es in einer Stellungnahme offen ausgesprochen: Die Fondsindustrie darf sich freuen. Der Sparer subventioniert ein Produkt, das es ohne staatliche Verkleidung längst gibt.

Fünftens, die Frühstart-Rente ist Symbolpolitik.

10 Euro pro Monat zahlt der Staat ab dem sechsten Lebensjahr in ein Depot, gestaffelt nach Geburtsjahrgang. Bei einer angenommenen jährlichen Rendite von 8 Prozent liegen nach zwölf Jahren rund 2.300 Euro auf dem Konto. Das löst kein einziges Rentenproblem, aber es eignet sich hervorragend für Pressefotos. Mehr ist es nicht.

Sechstens, das eigentliche Problem bleibt unangetastet.

Die Krankheit ist das Umlagesystem. Andere Länder haben den Übergang zur Kapitaldeckung vor Jahrzehnten begonnen – die USA mit dem 401(k) seit 1978, Schweden mit der Prämienrente seit 2000, Frankreich mit dem PER seit 2019. Deutschland hängt 30 bis 40 Jahre hinterher und feiert sich für einen halben Schritt, der die strukturelle Schieflage nicht angreift, sondern lediglich die private Säule etwas attraktiver gestaltet. Symptombehandlung statt Heilung.

Was junge Anleger jetzt tun sollten

Wer das alles aus der Perspektive eines 25-Jährigen liest, könnte versucht sein, in Resignation zu verfallen. Tun Sie es nicht. Aus der nüchternen Diagnose folgen drei Wahrheiten, an denen sich die nächsten 40 Jahre Ihres Vermögensaufbaus orientieren sollten.

Die erste Wahrheit lautet:

Niemand kommt. Der deutsche Staat hat in einem halben Jahrhundert nichts strukturell repariert, und er wird es auch in den kommenden zehn Jahren nicht tun. Wer sich auf die gesetzliche Rente verlässt, wird im Alter ein böses Erwachen erleben. Wer auf staatliche Förderprodukte setzt, baut auf einen Vertrag, den der Gesetzgeber jederzeit einseitig ändern kann – siehe Riester. Eigenverantwortung ist deshalb keine Empfehlung, sondern die einzige rationale Vorsorge.

Die zweite Wahrheit ist die schmerzhafteste:

Zeit ist der einzige Hebel, den ein 25-Jähriger gegenüber einem 50-Jährigen wirklich hat. Und Zeit verschwindet jeden Tag, an dem nicht investiert wird. Ein monatlicher Sparplan von 200 Euro über 40 Jahre bei sieben Prozent jährlicher Rendite wächst zu rund einer halben Million Euro. Derselbe Sparplan über nur 25 Jahre bringt etwa 165.000 Euro. Der Unterschied von 15 Jahren ist ein Faktor von drei. Niemand wird Ihnen diese Jahre zurückgeben, wenn Sie sie verschenken.

Die dritte Wahrheit ist konstruktiv:

Der Weg ist seit Jahrzehnten klar. In den knapp tausend Büchern zur Geldanlage, die ich gelesen habe, kommen die ernstzunehmenden Autoren – von Malkiel über Kommer bis Hotz – zu derselben Empfehlung. Breit gestreute, kostengünstige ETFs auf den Weltmarkt, monatlicher Sparplan, langer Atem, kein Aktionismus. Das Altersvorsorgedepot dürfen Sie als einen Baustein unter mehreren nutzen, wenn Förderung und Konditionen für Sie günstig sind – aber nicht als Fundament. Wer den vollen geförderten Eigenbeitrag von 1.800 Euro im Jahr ohnehin aufbringt und sich mit der Zweckbindung bis zur Rente arrangieren kann, mag die Zulage mitnehmen. Wer mehr sparen kann oder mehr Flexibilität braucht, baut den Hauptteil seines Vermögens außerhalb des staatlich vorgegebenen Rahmens auf, ohne eingeschränkte Wertpapierauswahl, ohne politisches Restrisiko, mit vollem Zugriff auf das eigene Geld. Das Fundament Ihrer Altersvorsorge baut nur eine Person: Sie selbst.

Der Auszug aus dem System beginnt im Kopf

Ich bin im Mai 2025 körperlich gegangen. Das ist eine Möglichkeit, die nicht jeder hat, und ich behaupte nicht, sie sei für jeden die richtige. Doch der Auszug aus dem deutschen Rentenversprechen muss nicht geografisch sein. Er beginnt damit, sich vom System nichts mehr zu erwarten, was es nicht halten kann. Wer das verstanden hat, fängt heute an zu sparen, breit gestreut, kostengünstig, im eigenen Namen – und steht mit 60 in einer Position, die kein Altersvorsorgedepot je liefern wird.

Eigenverantwortung ist nicht das Trostpflaster für eine versagende Politik. Sie ist die einzige Form von Vorsorge, die unter allen politischen Wetterlagen hält.