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Interview mit Celine Nadolny: Finanzbildung und finanzielle Selbstbestimmung

In diesem exklusiven Interview teilt Celine Nadolny mit uns nicht nur ihre fundierten Einsichten in Finanz‑ und Investmentthemen, sondern auch einige ihrer persönlichen Erfahrungen, Strategien und Visionen für eine neue Generation von Investorinnen und Investoren.
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Wir freuen uns ganz besonders, Ihnen Frau Celine Nadolny vorzustellen – eine der faszinierendsten und einflussreichsten Persönlichkeiten im Finanzbereich der jüngeren Generation. Mit gerade einmal 25 Jahren wurde sie in die renommierte Forbes 30 Under 30-Liste aufgenommen und gehört zu den spannendsten Stimmen im deutschsprachigen Raum für Finanz‑ und Sachbuchkritik. Sie ist zugleich Unternehmerin, Kolumnistin, Speakerin und Finanzbildnerin. 🌟

Celine gründete ihren Blog Book of Finance im Jahr 2019 mit dem Ziel, den Dschungel aus Finanz-, Wirtschafts- und Erfolgsliteratur für Leserinnen und Leser verständlich, unabhängig und fundiert aufzubereiten. Nach wenigen Jahren zählt ihr Blog bereits zu den meist ausgezeichneten Finanz- und Sachbuchblogs der DACH-Region. Aktuell hat sie über 800 Sachbücher gelesen und rezensiert und bietet ihrer Community praxisnahe Einblicke in Investitionen, Unternehmertum sowie berufliche und persönliche Entwicklung.

Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet – darunter zahlreiche Branchenpreise wie Finanzblog des Jahres, Black Bull Award, Content Creatorin des Jahres und Finanzwissen des Jahres. Im selben Jahr, in 2022, wurde sie außerdem Vize Miss Germany, was sie nutzt, um Stereotype zu durchbrechen und insbesondere junge Frauen für finanzielle Selbstbestimmung zu begeistern.


„Qualität skaliert, Arroganz nicht“ – Aufbau von Book of Finance

Frau Nadolny, als junge Unternehmerin in einer so komplexen Finanzwelt – welche Barrieren sind Ihnen beim Aufbau von Book of Finance begegnet, und welche wichtigen Lektionen haben Sie daraus gezogen?

"Die größte Barriere war nicht der Markt, sondern die Menschen darin. Als junge Frau, die Sachbücher von gestandenen Ökonomen und Unternehmern kritisch einordnet, erlebt man zwei Reaktionen, aufrichtiges Interesse von denen, die wirklich etwas zu sagen haben, und verletzte Eitelkeit von denen, die sich für unantastbar halten. Ich habe Mails bekommen, in denen Autoren mir allen Ernstes mitteilten, sie sähen sich "in ihrer Ehre gekränkt", weil ich sie für eine Zusammenarbeit kontaktiert hatte, als sei eine kritische Rezensentin ein Angriff und kein Angebot.

Parallel dazu tauchten laufend Nachahmer auf, die meine Formate, meine Grafiken, mitunter ganze Textpassagen kopierten, und denen ich ansah, dass sie in einem halben Jahr verschwunden sein würden, denn kopiertes Wissen trägt nicht weit. Die Lektion war unterm Strich immer dieselbe, wer substanziell arbeitet und konsequent liefert, wird von der Zeit selbst vor die Kopien und die Eitelkeiten gestellt, denn Qualität skaliert und Arroganz tut es nicht. Knapp tausend gelesene und über sechshundert rezensierte Bücher später ist Book of Finance schlichtweg da, während die lautesten Kritiker von damals längst Ruhe geben mussten."

Eigenverantwortung und Karriere im Finanzsektor

Frau Nadolny, welche Prinzipien und Werte leiten Sie heute in Ihrer Karriere, sowohl in Bezug auf Ihren beruflichen Erfolg als auch auf die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben? Außerdem würden wir gern erfahren, wer Ihre wichtigsten Mentoren oder prägenden Personen auf Ihrem bisherigen Karriereweg waren oder sind.

"Mein wichtigstes Prinzip ist Eigenverantwortung, und zwar kompromisslos. Ich halte nichts davon, Lebensumstände zu beklagen und gleichzeitig darauf zu warten, dass jemand anderes sie verbessert, weder im Privaten noch im Politischen. Im Mai 2025 habe ich Deutschland verlassen, weil ich steuerlich und regulatorisch an einen Punkt gekommen war, an dem Bleiben für mich unternehmerisch unvernünftig gewesen wäre. Viele denken bei Auswanderung reflexartig an die immer gleichen drei oder vier Länder, die in den Medien bespielt werden, obgleich es im Grunde kaum ein Land gibt, das in Sachen Bürokratie und Steuern nicht unternehmerfreundlicher wäre als Deutschland, man muss nur bereit sein, genauer hinzuschauen.

Zur Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben halte ich es kurz, ich glaube nicht an Work-Life-Balance, ich glaube an eine Arbeit, die so tief mit dem eigenen Leben verwoben ist, dass die Frage sich erübrigt.

Meine Mentoren behalte ich bewusst für mich, doch viele der Autoren, mit denen ich in den letzten sieben Jahren gearbeitet habe, sind durch diese Zusammenarbeit zu Mentoren geworden, und meine ehrlichsten Lehrer sind ohnehin die knapp tausend Bücher, die ich gelesen habe. Ich versuche, von allem und jedem zu lernen, auch von Positionen, die ich ablehne, denn letzten Endes schärft nichts das eigene Denken so sehr wie ein gut formuliertes Gegenargument."

„Lest, bis es wehtut“ – Tipps für Finanzprofis

Welche konkreten Tipps würden Sie jungen Finanzprofis weitergeben, die sonst kaum in Lehrbüchern stehen, zum Beispiel für den Einstieg in die Finanzwelt oder beim Umgang mit beruflichen Herausforderungen?

"Lest, bis es wehtut, und zwar Primärquellen, keine YouTube-Zusammenfassungen. Wer Benjamin Graham, Gerd Kommer, Burton Malkiel und Pirmin Hotz ernsthaft durchgearbeitet hat, versteht in einem Jahr mehr vom Kapitalmarkt als die meisten in einem kompletten Bachelorstudium, denn diese vier Autoren decken das Spektrum von Security Analysis über passives Investieren bis zu einer schonungslosen Abrechnung mit der aktiven Fondsbranche ab. Zweitens, und das ist der Punkt, den mir niemand gesagt hat: Eure größte Konkurrenz ist nicht der Kollege mit dem besseren Abschluss, sondern eure eigene Ungeduld.

Die Finanzbranche belohnt Ausdauer, nicht Genie, und wer mit Mitte zwanzig beginnt, konsequent zu sparen, zu investieren und zu lernen, landet mit vierzig in einer Liga, die mit Gehaltsverhandlungen allein nie erreichbar wäre. Und drittens, misstraut jedem, der euch eine Abkürzung verkauft, ob es ein Kurs für 1.997 Euro ist oder ein heißer Tipp aus einem Telegram-Kanal, denn verlässlicher Vermögensaufbau ist langweilig, und genau deshalb funktioniert er."

Primärquellen statt Tools – Investment-Entscheidungen

In der sich schnell verändernden Finanzwelt – von Digitalisierung bis ESG-Kriterien – welche Methoden oder Tools setzen Sie persönlich ein, um den Überblick zu behalten und fundierte Entscheidungen zu treffen?

"Mein wichtigstes Werkzeug ist unspektakulär, es ist das Lesen, und zwar konsequent an der Primärquelle. Geschäftsberichte statt Analystenberichte, Destatis und Eurostat statt Zeitungsüberschriften, die Studien der OECD, des ifo-Instituts und des IW Köln statt ihrer Zusammenfassungen auf LinkedIn. Digitale Werkzeuge nutze ich gezielt, unter anderem KI-gestützte Recherche, um Quellenlagen schneller zu überblicken, aber ich würde niemals ein Modell zwischen mich und eine Primärquelle stellen, denn wer aus zweiter Hand denkt, trifft Entscheidungen aus zweiter Hand.

Zum Stichwort ESG bin ich offen, ich halte den Rahmen in seiner aktuellen Form für weitgehend gescheitert. Der DWS-Greenwashing-Fall mit der Razzia in Frankfurt 2022 und der Vergleichszahlung in zweistelliger Millionenhöhe war kein Ausreißer, sondern Symptom, und die Überarbeitung der SFDR-Klassifizierung auf EU-Ebene zeigt, dass selbst die Regulatoren einräumen mussten, wie unscharf die Kategorien Artikel 8 und 9 in der Praxis waren. Fundierte Entscheidungen trifft man nicht, indem man einem Label vertraut, sondern indem man den Geschäftsbericht liest und versteht, was ein Unternehmen tatsächlich tut."

Finanzbildung in Europa: ein Nord-Süd-Gefälle

Wenn Sie die Finanzbildung in Europa vergleichen, welche Unterschiede fallen Ihnen auf, und welche Initiativen würden Sie besonders empfehlen?

"Die Unterschiede sind drastisch, und sie folgen einem klaren Muster. Die Standard-and-Poor's-Global-FinLit-Studie, die bislang umfassendste Erhebung zu Finanzwissen weltweit, zeigt ein deutliches Nord-Süd-Gefälle in Europa: Dänemark, Norwegen und Schweden führen mit jeweils einundsiebzig Prozent finanziell gebildeter Erwachsener, Deutschland und die Niederlande liegen bei sechsundsechzig Prozent, Italien erreicht nur siebenunddreißig Prozent und Portugal bildet mit sechsundzwanzig Prozent das Schlusslicht Westeuropas (Quelle: Leora Klapper, Annamaria Lusardi, Peter van Oudheusden – “Financial Literacy Around the World: Insights from the Standard & Poor’s Global Financial Literacy Survey”, GFLEC / S&P Global FinLit Survey, 2015). Das ist kein Zufall, denn in Skandinavien ist der Umgang mit Geld seit Generationen Teil der Alltagskultur und hat längst Eingang in die Schulen gefunden, während in Deutschland Finanzbildung bis heute weitgehend dem Elternhaus und der eigenen Initiative überlassen bleibt.

Ich halte Finanzbildung ohnehin nicht für eine primär staatliche Aufgabe, sondern für eine persönliche Pflicht, denn wer sein Geld nicht versteht, wird sein Leben nicht frei gestalten können, und diese Verantwortung kann einem niemand abnehmen. Was ich dem Staat hingegen zweifelsfrei abverlange ist, dass er aufhört, Finanzbildung aktiv zu erschweren, etwa durch ein Steuerrecht, das selbst Experten kaum noch durchdringen, oder durch eine Regulierungsflut, die Anleger eher abschreckt als aufklärt. Die wirksamsten Initiativen, die ich in den vergangenen Jahren beobachtet habe, kommen deshalb folgerichtig nicht aus Ministerien, sondern aus privater Hand, von unabhängigen Autoren, Researchern und Stiftungen, die ohne politischen Auftrag arbeiten."

Interview Celine Nadolny
Celine Nadolny. Quelle: bereitgestellt von der Interviewten.

Wir danken Frau Celine Nadolny ganz herzlich für ihre Zeit und die inspirierenden Einblicke, die sie heute mit unserer Rankia‑Community geteilt hat. 


Es war uns eine große Freude, dieses exklusive Interview mit einer so vielseitig engagierten und hochrangigen Expertin zu führen. Es lohnt sich also, dran zu bleiben für weitere spannende Einblicke und Impulse. 💬📈